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Bewusstsein schaffen: Wie Josef Ungermann als Behindertenbeauftragter Dinge angeht

Ein Mann an einer Bushaltestelle, ein Bus steht dort

Josef Ungermann wirkt seit einem halben Jahr als ehrenamtlicher Behindertenbeauftragter im Zollernalbkreis. Seine Erfahrung in der Verwaltung ist dafür wertvoll – außerdem das Wissen, dass Beharrlichkeit hilfreicher ist als Ungeduld. 

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„Genau richtig“, sagt Josef Ungermann. Er steht an der Haltestelle nahe der Balinger Stadthalle. Ein Bus hat dort eben gestoppt, nun steigen Schüler aus, sie sind auf dem Weg zum Schwimmunterricht ins Eyachbad. Mit „genau richtig“ meint Ungermann, wie der Bus dort angehalten hat: Die Ausstiegstüren exakt dort, wo auf dem Gehweg die Aufmerksamkeitsfelder angebracht sind. Von dort führen – im Kontrast zum dunklen Asphalt – in weiß gehaltene Rippenplatten in beide Richtungen. Diese sogenannten taktilen Leitelemente weisen sehbehinderten Menschen den Weg. In den vergangenen Jahren wurden sie an immer mehr Stellen im öffentlichen Raum installiert. Für Bushaltestellen sind sie seit 1. Januar 2022 Pflicht, umgesetzt sind sie allerdings noch lange nicht überall.

Zu der Aufgabe als Behindertenbeauftragter kam der frühere Bürgermeister von Obernheim nach einem persönlichen Schicksalsschlag. 2021 hatte Ungermann nach der Klausurtagung des Gemeinderats einen Herzstillstand erlitten. Er kehrte wenige Monate später an den Schreibtisch im Rathaus zurück, musste aber feststellen: Bürgermeister, Vollzeit – geht nicht mehr. Aus gesundheitlichen Gründen schied er Ende 2022 aus dem Amt. Als Landrat Günther-Martin Pauli ihn fragte, ob er sich die Aufgabe des Behindertenbeauftragten vorstellen könne, habe er sich gefreut und nicht lange überlegen müssen: „Dadurch kann ich weiterhin etwas für die Allgemeinheit leisten.“

Der Kreistag bestellte Ungermann im Mai mit Wirkung ab Juli 2023 für drei Jahre. In seiner neuen Funktion ist er Ansprechpartner für Menschen mit Behinderung und deren Interessensvertreter gegenüber öffentlichen Institutionen. Er berät den Landkreis sowie die Städte und Gemeinden in Fragen der Behindertenpolitik und setzt sich für die Rechte und Interessen dieser Menschen ein. Besonders im Fokus: Die gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft und die Barrierefreiheit etwa von Gebäuden und Verkehrsmitteln. Jeden Tag, sagt Ungermann, bearbeite er von Zuhause, aus dem Homeoffice, Anliegen und beantworte Anfragen. Dabei geht es etwa um Bahnsteige, die nicht einfach zugänglich sind, oder um Formulare, für die jemand Hilfestellung benötigt.

Zu Beginn seiner Tätigkeit als Behindertenbeauftragter absolvierte Ungermann viele Antrittsbesuche, stellte sich den Akteuren und Gruppen im Zollernalbkreis vor. Machte deutlich, worum er sich kümmern, in welchen Bereichen er Dinge in die richtige Richtung lenken kann. Ebenso aber, dass er keine Entscheidungsbefugnisse hat – weder, wenn es etwa um den barrierefreien Bau einer Bushaltestelle, noch, wenn es beispielsweise um die Aufhebung eines Behördenbescheids gehe.

Was in Sachen Barrierefreiheit noch alles zu tun oder eben noch nicht getan ist – da ist Ungermann hartnäckig, das spricht er immer wieder an. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, nicht belehrend, denn das bringe wenig. „Ich will sensibilisieren, Überzeugungsarbeit dafür leisten, dass Barrierefreiheit immer mitgedacht wird.“ Nicht isoliert, sondern integriert, vernetzt. Beispiel Bushaltestelle Stadthalle: Die taktilen Elemente sind dort vorbildlich umgesetzt. Aber sie führen nur bis zu den nächsten, nahen Straßenkreuzungen, nicht weiter – etwa in die Balinger Innenstadt.

Straßenübergänge, Gebäude, Webseiten, Rollstuhlfahrer, seheingeschränkte Menschen, aber auch Mütter mit Kinderwagen: Barrierefreiheit betrifft viele Bereiche und viele potentiell Betroffene. Als eines der kommenden großen Projekte, bei denen die einfache Zugänglichkeit mitgedacht werden muss, nennt Ungermann die Regional-Stadtbahn Neckar-Alb. In Sachen barrierefreie Verwaltung ist er derzeit sehr aktiv. Was zudem auf seiner Agenda steht: Katastrophenschutz für Menschen mit Behinderung. Als früherer Bürgermeister weiß er, wo und bei wem er ansetzen muss. Ungermann kennt die Ansprechpartner, die Behörden, die Verwaltungsabläufe, und ihm ist das Spannungsfeld zwischen Umsetzung, Gestaltung, Praktikabilität und Finanzierung aus eigener Erfahrung bewusst. Obwohl noch viel zu tun ist, erkennt Ungermann an, dass sich in den vergangenen Jahren schon vieles in die richtige Richtung bewegt hat.

Ungermann macht sich derweil keine Illusionen: Bis zum Ende der drei Jahre, für die ihn der Kreistag zunächst bestellt hat, werde der Zollernalbkreis sicher nicht komplett barrierefrei sein. Die Aufgabe sei dafür viel zu groß – und außerdem könne sie niemals ganz erledigt sein. „Ich werde weiter kräftig bohren müssen.“

Kontakt
Erreichbar ist der Behindertenbeauftragte Josef Ungermann unter Telefon 07433/92-1015 oder per E-Mail an behindertenbeauftragter@zollernalbkreis.de.

Weitere Informationen
Gemäß dem Landesgesetz zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung ist die Stelle des Behindertenbeauftragten für die Landkreise seit dem Jahr 2015 verpflichtend. Doch bereits vor der gesetzlichen Regelung hatten im Zollernalbkreis Kreistagsmitglieder die Interessen von Menschen mit Behinderung als kommunale Behindertenbeauftragte vertreten: Die früheren Bürgermeister Jürgen Weber (Hechingen) und Franz Josef Möller (Grosselfingen) engagierten sich schon ehrenamtlich in dieser Funktion. Von 2015 bis 2023 wirkte der Rosenfelder Bürgermeister und Kreisrat Thomas Miller als Behindertenbeauftragter.